Presseberichte

“Die Angst vor dem Tod ist oft die Angst vor Schmerzen”

“Die Angst vor dem Tod ist oft die Angst vor Schmerzen”

“Die Angst vor dem Tod ist oft die Angst vor Schmerzen”

Quelle: Hanauer Bote vom 12. November 2014

Zur Debatte um das Thema Sterbehilfe: Ein Gespräch mit Palliativmedizinerin Dr. Maria Haas-Weber


Hanau (nic). Es klingt wie eine Selbstverständlichkeit: Leben bis zum Tod. Doch aus der Selbstverständlichkeit wird eine große, eine geradezu fundamentale Angelegenheit, wenn die Frage im Raum steht, ob man den Zeitpunkt, wann das Leben enden und das Sterben beginnen soll, selbst bestimmen darf. Niemand wünscht sich Schmerzen und ein langes, qualvolles Dahinsiechen, niemand will leiden, wenn er gehen muss. Die Angst vor dem Tod ist deshalb nicht zuletzt auch die Angst vor Schmerzen und vor Einsamkeit. Und eben aus diesem Grund beantwortet die Mehrheit der Menschen in diesem Land die Frage, ob Sterbehilfe erlaubt sein sollte, mit Ja. Doch hinter dieser schlichten Antwort verbirgt sich eine so komplexe Fragestellung, dass dieses Ja kaum mehr sein kann, als der Anspruch auf eine Einzelfallentscheidung. Seine Wirkung auf unsere Gesellschaft, sollte sich dieses Ja in der gesetzlichen Regelung zur Sterbehilfe niederschlagen, könnte indes kaum größer sein. Hier spielen moralische, theologische, medizinische und rechtliche Aspekte eine Rolle, hier gilt es, etwas zutiefst Persönliches in eine Schablone zu pressen, die auf eine Gesamtheit passt. Und das wirft eine Vielzahl an Fragen auf. Schließt das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben auch ein selbstbestimmtes Sterben mit ein? Oder ist das ein bisschen Gott spielen? Wer entscheidet, ab wann ein Leben nicht mehr lebenswert ist? Der Patient? Der Arzt? Das Gesetz? Bedeutet ein generelles Verbot von Sterbehilfe, dass ein todkranker Mensch genötigt wird, sich vor einen Zug zu werfen, wenn er die Last seines Lebens nicht mehr tragen kann, wenn sie ihm zu schwer geworden ist? Ist gesetzlich legitimierte Sterbehilfe ein Zeichen der Nächstenliebe und des Mitgefühles oder vielmehr ein Indiz dafür, dass eine Gesellschaft kapituliert vor der Herausforderung des Umgangs mit Alten, Kranken und Lebensunwilligen? Im kommenden Jahr hat der Bundestag darüber zu befinden, wie das Thema zukünftig strafrechtlich in Deutschland geregelt werden soll. Die Diskussion darüber ist schon jetzt in vollem Gange und angesichts dessen Dimension hochemotional.  Dr. Maria Haas-Weber, Fachärztin für Allgemein- und Palliativmedizin und Vorsitzende des Fördervereins Palliative Patientenhilfe Hanau, spricht im Bote-Interview über ihr Selbstverständnis als lebensbejahende Palliativmedizinerin, über das, was die Medizin im Hinblick auf ein würdevolles Sterben leisten kann, und über die Freude am und über das Leben.


Hanauer Bote: Frau Dr. Haas-Weber, am 1. November hat sich die an einem unheilbaren Gehirntumor leidende Amerikanerin Brittany Maynard mit ärztlich zu diesem Zweck verordneten Medikamenten das Leben genommen. Hat Sie sich damit ein Recht herausgenommen, das ihr nicht zustand? Oder anders gefragt: Hätte man das Ihrem Verständnis als Palliativmedizinerin nach verhindern müssen?

Dr. Maria Haas-Weber: Zuerst einmal habe ich Respekt vor jedem Menschen, auch vor einer solchen Entscheidung, und ich versuche in meiner Funktion als ärztliche Ratgeberin immer, auf den Einzelfall einzugehen. Ich hätte sehr, sehr gern mit dieser jungen Frau gesprochen. Nicht, um ihr eine Meinung überzustülpen, sondern um ihr einen Rat zu geben. Ich habe so viele Patienten erlebt, die in die Schweiz gehen wollten, und die habe ich nicht zu überreden, sondern zu überzeugen versucht. Ich hatte einen Patienten mit ALS, einer wirklich schweren neurologischen Erkrankung, dem im Hospiz noch ein schönes halbes Jahr geschenkt wurde, der seine Zigarette noch bis kurz vor seinem Tod mit Freude geraucht hat. Und als die Atemnot kam, konnte ich ihm Morphin geben und er konnte in zwei Tagen in Ruhe einschlafen.

 

„Menschen im Sterben mehr Lebensqualität zu geben“ ist das Credo der Palliativmedizin. Was bedeutet das genau?

Ich sehe mich als lebensbejahende Palliativmedizinerin, und es ist mein Ziel, das Ende des Lebens für einen Patienten so angst- und schmerzfrei wie möglich zu machen und ihm ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Menschen haben oft gar nicht so sehr Angst vor dem Tod, sondern vielmehr vor dem Leid vor dem Tod, vor unerträglichen Schmerzen, Luftnot und Übelkeit, und der Palliativmedizin gelingt es in 100 Prozent der Fälle, all diese Symptome deutlich zu lindern, vielleicht nicht auf eine Nullgrenze, aber doch erheblich. Kein Mensch mit einer unheilbaren Erkrankung muss unter Leid, Angst und Schmerzen sterben – genau das ist die Aufgabe der Palliativmedizin – ein Lindern, ein Kümmern, ein Umsorgen, ein An-die-Hand-nehmen – und genau das ist es auch, was sie leisten kann.

 

Sie sind Vorsitzende des Fördervereins Palliative Patientenhilfe Hanau, der die Möglichkeiten der Palliativmedizin als ethische Alternative zur aktiven Sterbehilfe sieht. Kann Palliativmedizin tatsächlich in jedem Fall eine Alternative sein?

Ich als Ärztin bin nur eine Ratgeberin, aufgrund meines Wissens und meiner Erfahrung versuche ich, Möglichkeiten aufzuzeigen, die der Patient vielleicht vorher nicht gesehen hat, Denkanstöße zu geben, das Kostbare, das jeder einzelne Tag bedeuten kann, herauszustellen. Palliativmedizin schließt zudem auch die Möglichkeit ein, Medikamente zu geben, die unter Umständen das Leben verkürzen – aber eben nicht die, den Tod des Patienten aktiv herbeizuführen. Ich muss einen todkranken Patienten auch nicht wieder und wieder mit Antibiotika gegen seine Lungenentzündung behandeln, wenn ich weiß, dass er sie in zwei Wochen wieder hat. Ich biete Essen an und akzeptiere, wenn er das nicht mehr möchte und sorge dafür, dass er nachts gut schlafen kann und am Tag keine Schmerzen hat. Es geht nicht darum, das Leben hinauszuzögern, sondern der verbleibenden Zeit die größtmögliche Qualität zu geben.

 

Lehnen Sie Sterbehilfe denn grundsätzlich ab?

Ich kann mit den mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten als Ärztin individuell das Beste für jeden meiner Patienten tun, dazu brauche ich keine Sterbehilfe. Die aktive Sterbehilfe, also das Töten auf Verlangen, lehne ich ganz entschieden ab, und die gesetzlich legitimierte Möglichkeit des ärztlich assistierten Suizids würde meine Arbeit in keinster Weise qualitativ verbessern. Und ich würde einem Patienten dann auch sagen, dass ich ihn auf diesem Stückchen seines Weges nicht begleiten kann. Ich kann meine ganze Kraft als Medizinerin nur einsetzen, indem ich authentisch bleibe und nur das tue, was ich auch wirklich vertreten kann.

 

Sprechen Sie dabei als Medizinerin oder als Christin?

Beides. Eine ärztlich begleitete Selbsttötung ist für mich als Ärztin unmöglich, schon aus meinem Berufsethos heraus. Ich habe die Pflicht, Menschen zu heilen – und wenn das nicht geht, ihre Schmerzen zu lindern und ihnen bis zum Tode beizustehen. Und auch mit meinem Verständnis der christlichen Werte ist Sterbehilfe nicht vereinbar.

 

Aber kann man mit Zuwendung und Medikamenten eine wirklich tief empfundene Todessehnsucht, einen Lebensunwillen wirklich immer aufheben?

Das Wort immer gibt es nicht, das sage ich auch meinen Medizinstudenten. Es gibt ganz gewiss Fälle, wo das trotz größter Bemühungen nicht gelingt. Ich habe aber in über zehn Jahren als Palliativmedizinerin noch keinen solchen Fall erlebt. Todeswünsche höre ich, aber kein einziger Patient hat mir gegenüber einen Tötungswunsch geäußert. Das ist für mich so ein kleines Feld, mit dem ich ein Problem habe, denn natürlich möchte ich keinen Patienten alleinlassen. Aber wenn jemand wirklich sagt, er möchte die erlösende Spritze haben, dann muss ich die Verantwortung dafür auch abgeben. Das bedeutet nicht, dass ich einen solchen Wunsch nicht verstehen kann. Meine vornehmste Pflicht ist es, die Autonomie eines Menschen zu wahren, auch dann, wenn er eine andere Entscheidung trifft, als ich es mir gewünscht hätte. Ich respektiere einen Todeswunsch, und ich respektiere auch einen Tötungswunsch – aber letzterem kann ich sowohl als Ärztin als auch aufgrund meiner christlichen Haltung nicht begegnen.

 

Was genau ist Ihre Befürchtung, sollte Sterbehilfe in Deutschland legalisiert werden?

Ich möchte an dieser Stelle auf einen Gastbeitrag von Franz Münterfering Anfang des Jahres in der Süddeutschen Zeitung verweisen, der den Titel „Gefährliche Melodie“ trägt. Eben diese „gefährliche Melodie“ ist es, die ich höre, wenn wir über eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe sprechen. Denn von einem gesetzlich legitimierten ärztlich assistierten Suizid ist es nur ein ganz kurzer Weg bis zur aktiven Sterbehilfe. Sollte letztere, was ich für unwahrscheinlich halte, in Deutschland legalisiert werden, wäre das für mich eine gesellschaftliche Kapitulation, ein Zeichen dafür, dass es uns nicht gelingt, für das Lebenswerte aufzustehen.

 

Glauben Sie, dass ein entsprechendes Angebot hier erst Nachfrage schaffen würde?

Sehen Sie, alte Menschen haben keine Lobby in unserer Gesellschaft. Das Leben ist jetzt nichts mehr wert, es kostet nur noch, also machen wir Schluss damit. Damit wird auch ein Druck auf die Betroffenen ausgeübt, und in einer akuten Krisensituation kann dann schnell eins zum anderen kommen, wenn ich die notwendigen Medikamente sozusagen griffbereit habe. Ich engagiere mich, weil ich in einer Gesellschaft leben möchte, in der es auf den Wert jedes einzelnen Menschen ankommt, in der sich auch um die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft gesorgt wird.

 

Dieses Umsorgtsein ist sicher ein Gefühl, das sich viele wünschen, demgegenüber steht aber die – durchaus reale – Angst, allein in einem Krankenhauszimmer oder Pflegeheim dahinzudämmern …

Wir haben hier in Hanau inzwischen ein wirklich gutes Netzwerk aufgebaut, zu dem ambulante Hospiz- und Pflegedienste, Ehrenamtliche, Seelsorger, Palliativabteilungen in den Krankenhäusern und das stationäre Hospiz Louise de Marillac gehören, aus meiner Erfahrung ein wirklicher Segen. Die haben so tolle Schwestern, die gehen auch morgens um zehn los und besorgen eine Currywurst mit Pommes, wenn sich das ein Patient wünscht. Allerdings gibt es dort aktuell tatsächlich nur acht Betten.

 

Wenn die Alternative zum Suizid eine umfassende palliative Betreuung im Hospiz oder auch zuhause ist, müsste doch aber wirklich jeder die Möglichkeit dazu haben, was aktuell wohl kaum der Fall ist …

Hier gibt es tatsächlich Nachholbedarf. Menschen wollen, Menschen brauchen Hilfe beim Sterben, ja. Aber diese Hilfe meint nicht die Unterstützung beim Suizid, sondern versorgt, betreut zu werden von der Familie, Ärzten und Pflegepersonal. Um dem zu begegnen brauchen wir keinen ärztlich assistierten Suizid, erst recht keine aktive Sterbehilfe, wir brauchen einen flächendeckenden Ausbau der Palliativmedizin und der Hospizbewegung. Das ist natürlich zunächst mal ein Politikum. Und dazu gehört übrigens auch, Pflegepersonal besser zu bezahlen. Wir beginnen im Kindergarten und enden im Pflegeheim – es kann nicht sein, dass wir die Erzieher und Krankenschwestern, die also, die am Menschen arbeiten, mit einer so geringen Bezahlung kränken und die Bedeutung dieser wichtigen Aufgaben schmälern. Daneben brauchen wir, gerade vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung, eine gesellschaftliche Sorgekultur – zum Beispiel, dass man Menschen anspricht, die nicht mehr im aktiven Berufsleben sind. Und wenn da jemand nur mal zum Mittagessen ins Pflegeheim geht oder dort etwas vorliest. Ohne die Säule des Ehrenamts wird es nicht gehen.

 

Umfragen zufolge spricht sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland für Sterbehilfe aus. Was glauben Sie, warum das so ist?

Der Zeitgeist ist heute so, dass man alles bestimmen möchte, selbst den Tod. Doch oft fußt dieser Wunsch auf einer Unkenntnis der Möglichkeiten, die die Palliativmedizin bietet. Eben deshalb braucht es eine breite öffentliche Debatte zu dem Thema. Neben der Einrichtung von mehr „Palliativoasen“ in Pflegeheimen und der Etablierung einer gesellschaftlichen Sorgekultur ähnlich der Nachbarschaftshilfe gehört es deshalb auch zu den Aufgaben des Fördervereins, umfassend zu informieren. Ab Januar kommenden Jahres wird es in Hanau eine Erstberatungsstelle für Schwerstkranke und Sterbende geben, eine kompetent besetzte Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige. Für mich ist es zudem eine Illusion, das Thema Sterbehilfe in ein Gesetz kleiden zu können – dazu ist es zu individuell und zugleich zu komplex.

 

Aber wer soll dann entscheiden, wann und wie ein Leben zu Ende gehen darf?

Das funktioniert, indem –  selbstverständlich in einem informierten Einverständnis mit dem Patienten – gemeinsam mit Palliativmedizinern, Schwestern, Ehrenamtlichen und Angehörigen eine ganz individuelle Lösung gesucht wird.

 

Sie betreuen sterbende Menschen, welche Einstellung haben Sie persönlich zum Tod?

Ich habe keine Angst vor dem Tod, das könnte ich in meinem Beruf auch gar nicht. Wir alle wissen, dass wir irgendwann sterben müssen,  und mir selbst ist auch deshalb, weil ich ständig mit dem Sterben konfrontiert bin, immer bewusst, dass jeder Tag der letzte sein kann. Das ist einerseits ein Stück weit auch ein schmerzlicher Gedanke, andererseits: Was wäre unser Leben ohne eine Begrenzung? Viel wichtiger ist es doch, die Zeit, die man hat, mit Sinnvollem zu füllen. Ich mache mir dahingehend keine Sorgen, ich habe großes Vertrauen in meine Familie – und in die palliative Medizin.


 

Der Förderverein Palliative Patienten-Hilfe Hanau lädt für Samstag, 22. November, von      13 bis 17 Uhr zu einem öffentlichen Gespräch mit dem Thema „Hilfe beim Sterben oder Hilfe zum Sterben? – Der Umgang mit dem Sterbewunsch des Patienten“ in den Congress Park Hanau ein. Für die Veranstaltung konnten mit dem früheren Vize-Kanzler Franz Müntefering und dem Internisten und Rettungsmediziner Dr. Michael de Ridder hochkarätige Gäste gewonnen werden. An die Vorträge der beiden Referenten schließt sich eine Podiumsdiskussion an. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos, um eine Spende wird gebeten.

 


 

Zur Person: Dr. Maria Haas-Weber

Dr. Maria Haas-Weber ist Ärztin für Allgemein- und Palliativmedizin, hat einen Lehrauftrag der Uni Frankfurt und ist darüber hinaus erste Vorsitzende des 2002 gegründeten Fördervereins Palliative Patienten-Hilfe Hanau. Der Verein setzt sich für eine bessere ambulante und stationäre Versorgung von Patienten mit nicht heilbaren Erkrankungen ein, knüpft Netzwerke zwischen den in der Palliativversorgung tätigen Bereichen und unterstützt die Aus- und Weiterbildung von Angehörigen, Fachkräften und Ehrenamtlichen und versteht sich als Forum für die Diskussion palliativmedizinischer Aspekte.  Dr. Maria Haas-Weber lebt und arbeitet in Mittelbuchen.